Das Unsichtbare Schauen | Kurt Buchwald trifft Michael Morgner | Dialoge IV

Kunstausstellung der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg
In Kooperation mit der Sandau & Leo Galerie | Berlin

In Performances, Dokumentationen, konzeptuellen Arbeiten, Fotoserien, Moment- und Einzelaufnahmen sowie Texten setzt sich der Künstler mit Fragen der Wahrnehmung, der Bildentstehung und dem Einfluss der Medien auseinander. Unter dem Einfluss der Künstlergruppe ‘Clara Mosch’ (Karl-Marx-Stadt / Chemnitz) griff Buchwald als einer von wenigen ostdeutschen Künstlern schon in den 1980er Jahren Ansätze aus der Konzeptkunst auf. Seine dadaistisch anmutende Arbeitsweise spielt mit Verunsicherung und Provokation. Seine Kunstaktionen und Arbeiten wirkten im Kontext der offiziellen Kunstdoktrin des Sozialistischen Realismus auf Funktionäre wie das Publikum irritierend. Seine fotografischen Erkundungen stellten die Dominanz sozial-dokumentarischer Fotografie in der DDR infrage. Buchwalds fotografische Arbeiten erscheinen wie Sinnbilder, die zugleich eine starke malerische Wirkung entfalten.

Als Dialogpartner dieser Ausstellung hat sich Kurt Buchwald das Werk ‘Ecce Homo’ von Michael Morgner aus der Sammlung der Stiftung Christliche Kunst ausgewählt. Morgner ist Preisträger der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg und hat der Künstlergruppe Clara Mosch angehört, die Buchwalds Weg als künstlerischer Autodidakt geprägt hat. 

Kurt Buchwald schreibt zu seinen Arbeiten:
«Ende der 60er Jahre stand ich in Wittenberg mit einem Fernrohr auf der Strasse und konnte voller Begeisterung neue Welten am nächtlichen Himmelszelt entdecken. Das fand Eingang in meine künstlerische Arbeit. 1993 begann ich ein fiktives Observatorium zu bauen – es folgten die Projekte ‘Im Kreis der Wahrnehmung’ und ‘Die Röhrenmenschen’. Ich arbeite seitdem mit Blenden, Röhren und Guckkästen, montiere sie vor die Kamera, um hinter den Wahrnehmungshorizont zu schauen. Zu diesem Experiment haben mich wissenschaftlich-technische Versuchsanordnungen angeregt. Die Blenden, die ich vor die Kamera halte, lassen Leerstellen entstehen, die der Betrachter ergänzen kann (‘Bilder & Blenden’, 1990 – 2000).

Bereits in dem 80ern habe ich einen schwarzen Torso mitten ins Bild gestellt. Das hat die Kulturfunktionäre mit ihrem sozialistischen Realismus irritiert (‘Stehplätze – Störplätze’, 1984, ‘Ein Tag in Ostberlin’, 1986). In Anlehnung an Vilém Flusser und Susan Sontag versuchte ich in diesen Jahren neue Formen der künstlerischen Fotografie zu entwickeln. Es entstehen die Serien: ‘Finden – Fotografieren – Inbesitznehmen – Wegtragen’ (1984), ‘Fahren – Fotografie – Fahren’ (1985), ‘Landschaft & Bewegung’ (1985 – 88)’ und ‘Asphalt & Arbeit’ (1986).

Aktionskunst und der Einsatz des eigenen Körpers erschliessen mir neue Bereiche. Dazu zählen Liegungen und fiktive Landartprojekte auf der Straße (‘Überliegender’, 1982, ‘Erschütterungen’, Wittenberg 1983). In Berührung mit der Welt hinterfrage ich die Bildentstehung (‘Die Maske’, ‘Fotografieren und Abformen’, 1882, ‘Überspringen der Kamera’, 1985). Über Negation und Provokation versuche ich ins Gespräch über den Sinn des Bildermachens zu kommen. So entsteht die Aktion ‘Fotografieren verboten!’ (1988 – 2005). Es folgt das ‘Amt für Wahrnehmungsstörung’ (1993 – 2006), dass das Publikum mit fiktiven Anordnungen und Verboten irritiert. Zu den Personen, die trotz alle dem weiter beten, inspirierten mich 1995 Stifterfiguren in der Wittenberger Stadtkirche.

Das Bildtableau ‘Die Himmel’ von 2011 fokussiert Transzendenz im ‘Kreis der Wahrnehmung’. So wurden auch Luthers Denkmal und seine Stube fotografiert. Ihnen werden Tondos aus Italien entgegengestellt. In Assisi habe ich Engel und im See Genezareth eine Quelle aufgespürt. Mit dem magischen Dreieck wurden Orte wie Massada und Nazareth 2022 visualisiert. Die Verbindung von Mensch und Natur, das Spirituelle, verbunden mit dem erregenden Moment der Fotografie thematisiert die Serie „Begegnung & Gestalt“ (2019 – 2023). Im Licht der Abendsonne, die lange Schatten wirft, ist das Konzeptionelle in den Hintergrund getreten. Ich entdecke neue Wege den Wahrnehmungshorizont auszudehnen.

Irritationen und schwarze Flächen öffnen die Türe zum Unbewussten, Transzendenz und der Blick nach innen, ein Fenster zum Übersinnlichen. Eine neue Welt tut sich auf, die Natur beginnt zu sprechen. Der Kosmos, den ich erblicke, hat die moderne Zeit verdrängt. Die Sicht nach innen ist nicht populär, doch sie war immer ein Ankerpunkt und ein Moment tiefer Erkenntnis.»

Kurt Buchwald, Berlin, den 05.07.23

Gefördert vom Freundeskreis der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg e.V.

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