Von Christhard-Georg Neubert
Sind Glaube und Zweifel Geschwister? Das Johannesevangelium berichtet eine merkwürdige Geschichte: Thomas kann nicht glauben, was ihm die anderen Jünger Jesu bezeugen. Sie behaupten, Jesus, ihren Herrn und Meister nach seinem Tode am Kreuz gesehen zu haben. Er sei bei ihnen gewesen, habe mit ihnen gesprochen. Thomas bezweifelt den Bericht der Jünger, da er aller Vernunft und Erfahrung widerspricht. „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.“ (Joh. 21,25).
Diese Szene inspirierte Maler und Bildhauer, sich mit dem Verhältnis von Glaube und Zweifel künstlerisch auseinanderzusetzen. Dem Renaissancemaler Michelangelo Merisi da Caravaggio ist die berühmteste Darstellung dieser Szene gelungen (Der ungläubige Thomas, um 1600-1601).
Caravaggios ‚Ungläubiger Thomas‘, umgeben von zwei Männern, legt den Finger in die Seitenwunde Jesu. Das Gemälde gibt einer weitverbreiteten Unsicherheit an der Schwelle zur Neuzeit Ausdruck: in welchem Verhältnis stehen Glaube und Zweifel? Eine Frage bleibender Aktualität.
Christopher Lehmpfuhl ließ sich von Caravaggios Gemälde zu einer eigenen Auseinandersetzung mit dem biblischen Thema anregen. Seine Monotypie entstand im Jahre 2021 für eine Dialogausstellung, zu der die Stiftung den Berliner Maler eingeladen hatte. Lehmpfuhls ‚Ungläubiger Thomas‘ verdichtet in seiner Darstellung das biblische Geschehen auf Augen, Hände und Wunde. Drastisch wird uns vorgeführt, wie Thomas mit aufgerissenen Augen den Zeigefinger seiner rechten Hand in die offene Wunde Jesu schiebt. Thomas will mit eigenen Augen sehen und mit Händen begreifen, was er glauben soll und will. Die sinnliche Erfahrung steht bei ihm über der geistigen. Auffällig die Finger einer Hand im Vordergrund, die sich um das Handgelenk des Thomas legen. Die Finger der Hand Jesu führen die Hand des ungläubig staunenden Thomas. Bewegend zu erkennen, wie der Maler uns diese Beziehung vor Augen stellt. Thomas kann kaum fassen, was da vor sich geht; es spricht aus ihm: „Mein Herr und mein Gott“.
Lehmpfuhls ‚Thomas nach Caravaggio‘ von 2021 erfüllt wie das Original von 1600/1601 die intellektuellen Ansprüche an ein Bild in optimaler Weise, gleichzeitig befördert es eine Spiritualität des Fragens. Der Zweifel bekommt sein Recht. Über die Brücken zu gehen, die der Glaube baut, bedeutet Wagnis. An Lehmpfuhls kleiner Monotypie wie an seinem Vorbild lässt sich erkennen: in der Kunst wie im Glauben geht der Zweifel bis an den Zweifel an sich selbst. Kunst und Glauben setzen den beständig neuen Anlauf dagegen. So lebt wohl auch der Glaube im Schmerz seiner permanenten Geburt.
Caravaggios Gemälde ist in der Gemäldegalerie im Park von Sanssouci in Potsdam zu bewundern. Lehmpfuhls Monotypie befindet sich sein 2023 im Sammlungsbestand der Stiftung Christliche Kunst und ist ein Geschenk des Künstlers.