Benita Meißner

Werke

Im Gespräch mit...

Der Kunstverein Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst e.V. wurde 1893 in München als eine katholische, überregionale und gemeinnützige Kultureinrichtung gegründet, um den Austausch zwischen Künstlerinnen und Künstlern sowie kirchlichen Auftraggebern zu stärken. Heute versteht sich der Verein als ein ökumenisch ausgerichtetes „Forum, für einen lebendigen Austausch zwischen Kunst und Kirche“ und für einen kontinuierlichen Gedankenaustausch „zwischen Künstlern, Theologen, Philosophen und Kunstfreunden“.

Seit 2020 tragen die Räumlichkeiten einen neuen Namen: „DG Kunstraum Diskurs Gegenwart“, der die zentralen Anliegen des Vereins zum Ausdruck bringt. Die Ausstellungsräume befinden sich am Wittelsbacherplatz (Finkenstraße 4) und gehören zum Kunstareal München. Der Kunstverein wird vom Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst (VAH) getragen, der auch Kunstprojekte fördert, wie z. B. die Ausgestaltung der Aula/Winterkirche des Ev. Predigerseminars im Wittenberger Schloss mit den Prinzipalstücken von Werner Mally.

Seit 2015 ist Benita Meißner Kuratorin und Geschäftsführerin des Kunstraums.

Liebe Frau Meißner, wie sind Sie zur Kunst und dann zur Deutschen Gesellschaft für Christliche Kunst gekommen?

Ich habe bis 2000 in Venedig am IUAV [Università Iuav di Venezia] Architekturgeschichte und Denkmalpflege studiert. Bei einem UNESCO-Auftrag gegen Ende meines Studiums habe ich gemerkt, dass ich lieber mit Menschen im Hier und Jetzt arbeite und aktiv Zukunft mitgestalte, als mich vor allem mit der Bewahrung und Aufarbeitung der Vergangenheit zu beschäftigen. Von 2000 bis 2014 war ich in der Vermittlung zeitgenössischer Kunst tätig, an verschiedenen Orten zwischen Berlin und München, vor allem im kommerziellen Bereich. Dabei habe ich zunehmend bedauert, dass der Erfolg von Ausstellungen weniger an ihren Inhalten als an Verkaufszahlen gemessen wurde. 2014 bewarb ich mich daher auf die Position als Kuratorin und Geschäftsführerin des DG Kunstraums. Seit Anfang 2015 bin ich hier tätig.

Zeitgenössische Kunst ist für mich eine zentrale Ausdrucksform und eine wichtige Ressource, um sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen und neue Perspektiven auf die Welt zu gewinnen. Meine Arbeit zielt darauf, den Ausstellungsraum als interdisziplinären Ort zu gestalten, an dem Menschen über Kunst ebenso wie über Architektur, Musik, Theologie oder Philosophie ins Gespräch kommen, sich austauschen und inspirieren lassen.

Der evangelische Theologe Rudolf Bultmann hat Anfang der 1950er-Jahre die Rede von einer „christlichen Kunst“ verworfen. Er sagte: „Es ist mißbräuchlich, von christlicher Wissenschaft oder christlicher Kunst zu reden; denn eine christliche Methode gibt es auf allen diesen Gebieten des Geisteslebens nicht. Es gibt wohl christliche Schuster, aber keine christliche Schuhmacherei“ (aus: Bultmann, Humanismus und Christentum). Nun tragen wir in Wittenberg die „christliche Kunst“ ebenso in unserem Namen wie die Deutsche Gesellschaft in München. Wie füllen Sie diesen Begriff?

Ich arbeite mit einem sehr versierten Vorstand zusammen. Früh haben wir gemeinsam darüber gesprochen, was unser Ausstellungsraum leisten soll, wen wir ansprechen möchten und wie wir mit unserem Erbe umgehen möchten. Für uns ist klar: „Christliche Kunst gibt es nicht! Unser Ziel ist viel mehr die Stärkung der Künste und des Diskurses von Mensch und Gegenwart. Diesen Dialog führen wir aus einer christlich geprägten Haltung heraus, die Offenheit für Spiritualität und Transzendenz ermöglicht. Unser Selbstverständnis ist von Hoffnung und Respekt getragen, von der Achtung der Schöpfung und der Würde jedes Menschen. Wichtig sind uns Werte wie Offenheit gegenüber der Vielfalt des Lebens, verantwortliches Handeln sowie ein gerechtes und mitfühlendes Miteinander.

Nach welchen Gesichtspunkten laden Sie Künstlerinnen und Künstler zu Ausstellungen ein? Welche Impulse erhoffen Sie sich von ihnen? Und suchen Künstlerinnen und Künstler auch von sich aus den Kontakt zu Ihnen?

Es gibt immer wieder Initiativbewerbungen. In der Regel wählen wir Künstler*innen und Arbeiten jedoch gezielt aus. Grundlage dafür sind die Themen unserer Ausstellungen, die wir langfristig entwickeln. Häufig gibt es auch ein Jahresmotto, das mehrere Ausstellungen inhaltlich miteinander verbindet und einen gemeinsamen Rahmen schafft. Die Ausstellungen des Jahres 2026 werden unter dem Motto „In einer Welt, die taumelt“ verhandelt. Das Netzwerk der Künstler*innen rund um unseren Ausstellungsraum ist breit und sehr aktiv. Ich verstehe es als zentrale Aufgabe einer Kuratorin, Themen und Kunstwerke sorgfältig zusammenzubringen. Wenn es möglich ist, stoßen wir auch Neuproduktionen an. Bei der Auswahl spielen unterschiedliche Kriterien eine Rolle. Besonders bereichernd ist für uns die Zusammenarbeit in Kooperationen, etwa bei Ausschreibungen für die Stipendiat*innen des Cusanuswerks. [Das Cusanuswerk ist das Begabtenförderungswerk der Katholischen Kirche Deutschlands.]

Sie bieten ein breites Programm von Begleitveranstaltungen an: Diskussionsrunden, Vorträge Künstlergespräche, Konzerte und Lesungen, Workshops für Jugendliche oder für die ganze Familie. Welche Erfahrungen machen Sie damit? Kommen die Menschen, die Sie erreichen möchten, vielleicht auch gerade ein jüngeres Publikum?

Gerade dieses umfangreiche Begleitprogramm macht den DG Kunstraum aus. Die ausgestellte Kunst steht nie für sich allein, sondern wird durch Workshops, Lesungen und Vorträge in größere gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet. So entsteht ein lebendiger Dialog zwischen Kunst und Gegenwart. Dabei richten wir unsere Formate zunehmend auch an ein jüngeres Publikum. Dafür haben wir unser Team gezielt erweitert und mit Louis Habermeyer einen jungen Kunstpädagogen gewonnen. Das Angebot wird sehr gut angenommen. Diese Arbeit, auch in Kooperationen, bauen wir kontinuierlich weiter aus.

„Die Schönheit des Unvollkommenen“ – so lautete der Titel der gerade zu Ende gegangenen ersten Ausstellung dieses Jahres. Sie lenkte den Blick auf die Narben und auf andere Spuren der Zeit. Was planen Sie weiterhin für dieses Jahr?

Die kommende Ausstellung „Sichtbar. Verknüpft. Frei.“ entsteht in Kooperation mit dem Kulturreferat München und der GEDOK, dem ältesten und europaweit größten Netzwerk für Künstlerinnen. Elf Künstlerinnen aus München und ganz Deutschland zeigen aktuelle Werke aus Malerei, Skulptur und Multimedia ebenso wie aus Schmuck- und Textilkunst. Anlass des Kooperationsprojekts ist das 100-jährige Jubiläum der GEDOK [Gemeinschaft deutscher und oesterreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen], das an drei Ausstellungsorten in München mit einem interdisziplinären Begleitprogramm gefeiert wird. Besonders freut mich: Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt mehrerer von Frauen geführter Kulturinstitutionen. Weibliche Vernetzung wird dabei nicht nur in den künstlerischen Positionen sichtbar, sondern auch in der organisatorischen Zusammenarbeit aktiv gelebt.

Die Sommerausstellung „Fast eine Tonne: Atemraum“ widmet sich dem Atem als Ursprung und Grenze des Daseins. Zeitgenössische Künstler*innen machen diesen unsichtbaren Prozess in unterschiedlichen künstlerischen Setzungen erfahrbar. Jedes Einatmen steht für einen Beginn, jedes Ausatmen für ein Loslassen. So wird der Atem zum Denkraum, in dem Körper und Welt, Innen und Außen, Ich und Anderes ineinander übergehen. Als fortwährendes Zeichen für Geist und Seele ist der Atem zugleich eine Metapher für Vergänglichkeit, Leben und Tod, denn er kann erlöschen. Auch kunsthistorisch spielt dieses Thema eine wichtige Rolle. Die Darstellung von Luft gehört spätestens seit der Renaissance zu den großen künstlerischen Herausforderungen, insbesondere in der Malerei. Luft als Werkstoff ist dagegen ein vergleichsweise junges Phänomen. Seit der Moderne wenden sich Künstler*innen der Luft nicht nur als Motiv, sondern bewusst auch als Material und Medium zu. Sie wird nicht mehr nur als Wind, Wolken, Nebel, Dampf, Rauch oder Atem dargestellt, sondern selbst zum künstlerischen Ausdrucksträger.

Liebe Frau Meißner, wir danken Ihnen sehr herzlich für das Gespräch und wünschen Ihnen für Ihre Arbeit gutes Gelingen.

Das Gespräch führte Dr. Hanna Kasparick im Frühjahr 2026.

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