Interview mit Pfarrer Hannes Langbein
Die Stiftung St. Matthäus ist die Kunst- und Kulturstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Sie hat den Auftrag, den Dialog der Kirche mit den Künsten zu fördern. Ihr Hauptwirkungsort ist die 1846 nach Plänen von Friedrich August Stüler erbaute St. Matthäus-Kirche. Heute befindet sich diese Kirche mitten im Kulturforum der Hauptstadt, umgeben unter anderem von der Neuen Nationalgalerie, der Gemäldegalerie, dem zukünftigen Museum der Moderne und der Philharmonie. Aus dem Kulturleben Berlins ist sie nicht wegzudenken. Und sie wirkt weit über die Hauptstadt hinaus. Die Stiftung wurde 1999/2000 gegründet. Ihr erster Direktor war Pfarrer Christhard-Georg Neubert, heute Vorstandsvorsitzender unserer Stiftung.
Lieber Herr Langbein, seit 2018 sind Sie der Direktor der Stiftung St. Matthäus und Kunstbeauftragter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Im vergangenen Jahr konnten Sie das 25jährige Bestehen der Stiftung feiern. Was bewegt Sie im Blick auf dieses Jubiläum und was hat Sie persönlich zur Stiftung gebracht?
25 Jahre Stiftungsjubiläum sind natürlich ein bewegender Moment: Dass es – nicht zuletzt durch die Pionierarbeit meines Vorgängers Christhard-Georg Neubert, der die Stiftung gegründet hat – gelungen ist, den Dialog von Kunst und Kirche an einem so schönen und prominenten Ort wie der St. Matthäus-Kirche im Kulturforum Berlin auch unter schwierigsten finanziellen Bedingungen zu verorten und zu verstetigen, macht zunächst einmal sehr dankbar. Und der Horizont ist ja noch weiter: In diesem Jahr haben wir den 180. Geburtstag unserer St. Matthäus-Kirche gefeiert: Sie ist das älteste Gebäude im Kulturforum und hat als einziges Gebäude dort die ganze Berliner Geschichte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gesehen. An diesem Denkmal arbeiten wir jetzt: Gerade bereiten wir die Sanierung der Kirche ab 2028 vor. Wir wollen das Haus bestellen, um es für die Zeit nach dem Bau von berlin modern, dem Erweiterungsbau der Neuen Nationalgalerie, der gerade neben unserer Kirche entsteht, vorzubereiten. Ich selbst bin seit über 20 Jahren im Grunde durchgängig auf die eine oder die andere Weise an diesem Ort: 2005 habe ich noch als Praktikant während meines Theologiestudiums ein halbes Jahr mit der Stiftung gearbeitet, danach auch immer wieder als Referent im Kulturbüro der EKD, schließlich 2016-2017 im Entsendungsdienst, ab 2018 dann nach der Pensionierung von Christhard-Georg Neubert als Direktor der Stiftung.
Es war eines Ihrer Anliegen, an dem national und international so bedeutsamen Kulturforum etwas zur Vernetzung der einzelnen Einrichtungen beizutragen. Was hat sich da bisher ergeben?
Da hat sich viel getan. Ich bin sehr dankbar für diese Entwicklungen: Als ich 2018 als Direktor der Stiftung begonnen habe, war es mir ein Anliegen, unsere Nachbarschaft als wirkliche Nachbarschaft zu verstehen. Ich habe nach Themen gesucht, welche die so verschiedenen Nachbarinstitutionen verbinden könnten. Das war zunächst unsere Geschichte: Die Geschichte des alten Tiergartenviertels und die Geschichte des Kulturforums selbst, die sich eigentlich nur gemeinsam erzählen lässt. Mit zwei Projekten haben wir dann nach und nach zueinander gefunden: Mit der Lesereihe „Die verschwundene Stadt“ zur Geschichte des alten Tiergartenviertels (2019-2020) und mit dem Ausstellungsprojekt „Utopie Kulturforum“ (2022), an dem sich auf unsere Einladung hin fast alle Institutionen im Kulturforum beteiligt haben. Als nächste Gemeinsamkeit haben wir die Gärten vorgeschlagen: Alle Nachbarinstitutionen haben Gärten – sei es der Philharmonische Garten, der Lesegarten der Stabi oder der Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie, und natürlich unser „Kirchgarten“ auf dem Matthäikirchplatz. Das führte zum ersten „Tag im Grünen“, einem großen Nachbarschaftsfest im öffentlichen Raum des Kulturforums, das es bis heute gibt, und auf Initiative von Klaus Biesenbach, dem Leiter der Neuen Nationalgalerie, zu unserem Projekt „Baumschule Kulturforum“, 200 Bäume in Kübeln im Kulturforum gestaltet durch die Landschaftskünstler/innen „le balto“, das als öffentliches Zeichen für mehr Grün im Kulturforum gedacht war. Auch hier haben wir viel erreicht: Der Impuls wurde durch Senatsbaudirektorin Kahlfeldt aufgenommen. Jetzt ist es durch den Senat beschlossen: Das Kulturforum soll dauerhaft grüner werden. Durch und in der „Baumschule Kulturforum“ entwickelt sich auch die Nachbarschaft weiter: Sie dient als Spielstätte für die Nachbarinnen im öffentlichen Raum. Mittlerweile haben wir sogar eine Kulturmanagerin für den öffentlichen Raum, die hauptamtlich für das Zusammenspiel der Nachbarinnern untereinander sorgt.
Welche Schwerpunkte setzen Sie aktuell in Ihrer Arbeit und wie gelingt es Ihnen, neue Zielgruppen zu gewinnen?
Ein Schwerpunkt ist und bleibt die künstlerische Arbeit mit dem Kirchenraum. Die meisten Ausstellungsprojekte, die wir machen, beziehen stark installativ den gesamten Kirchenraum ein. Jede Ausstellung, besser jeder „Installation“, schafft im Grunde einen neuen Kirchenraum – wie etwa aktuell die Stoffbahnen von Nadine Schemmann oder – vielleicht der extremste Fall – vor einigen Jahren die „Kreuzweg“-Installation von Gregor Schneider. Das führt dazu, dass auch die Gottesdienste bzw. die Liturgie unmittelbar betroffen ist und sich in jeweils neuen räumlichen Konstellationen verorten muss. Aus diesem Grund machen wir einmal pro Ausstellung die sogenannten „LABORa“-Kunstgottesdienste, Gottesdienste, die sich ganz aus dem Dialog mit der aktuellen Ausstellung ergeben (immer in Kooperation mit dem EKD-Institut für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur in Wittenberg) – das weitet auch den Radius der Gottesdienstbesucher/innen. Seit zwei Jahren haben wir das mit unserem „Familienkunstgottesdienst“ auch auf Kinder und Familien erweitert: Immer am ersten Sonntag des Monats laden wir zu einem Gottesdienst, den wir mit Künstler/innen – Tänzer/innen, Zauber/innen, Sprachkünstler/innen usw. – gestalten. Anstelle einer Predigt eine Performance, ein gemeinsames Kunsterleben. Das wird sehr gut angenommen und hat für St. Matthäus eine völlig neue Zielgruppe erschlossen.
Eine Frage, die wir unseren Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern stellen, ist häufig die nach dem christlichen Profil. Nun bieten Sie in der St. Matthäus-Kirche ein etabliertes und beeindruckendes Programm an Gottesdiensten, Andachten und Kirchenkonzerten an. Vermutlich erschöpft sich „das Christliche“ aber nicht darin. Was macht für Sie das Besondere einer christlichen Kulturstiftung aus?
Das „Christliche“ ist und bleibt natürlich der Ausgangspunkt und die Suchrichtung. Aber es ist eben eine Suchrichtung. Wir gehen in unserem Programm weniger von der traditionellen christlichen Ikonographie aus. Mehr noch: Es ist sogar der Ausnahmefall, dass unmittelbar christliche Ikonographie erkennbar ist. Eher begleitet Besucher/innen unserer Kirche die Frage, die einmal Via Lewandowsky in unsere Apsis geschrieben hat: „wie bitte“? – Meist zeigen wir Bild- und Formfindungen, die sich nicht auf den ersten Blick als „christlich“ identifizieren lassen, sondern erst auf den zweiten oder dritten Blick in Resonanz gehen zu den Themen, die etwa das Kirchenjahr für uns bereit hält: Künstler/innen arbeiten an Themen wie Vergänglichkeit oder Schuld, die uns etwa in der Passionszeit beschäftigen, aber sie tun es in einer ganz eigenen Formensprache, die in unsere Gegenwart spricht. Ich halte es da gerne mit Joseph Beuys, den wir zu seinem 100. Geburtstag ausgestellt haben, der sich nach langem bildhauerischem Ringen um des – wie er es mit Rudolf Steiner nannte – „Christusimpulses“ willen von der Urform des Kreuzes verabschiedet hat und alles in die „Bewegung“, in die Aktion, schließlich in die „Soziale Plastik“ investiert hat – und ganz neue Formen gefunden hat. In diese Richtung neuer christlicher Ikonographien denke ich gerne weiter, da kommt man an kein Ende…
Lieber Herr Langbein, wir danken Ihnen sehr herzlich für das Gespräch und wünschen Ihnen für Ihre Arbeit weiterhin viel Erfolg.
Das Gespräch führte Dr. Hanna Kasparick im Sommer 2026.