Sonntag, am Morgen. Ich komme in die Schlosskirche. Die Sonne scheint durch die bunten Glasfenster. Es leuchtet Maria mit dem Jesuskind, darunter stehen die Besucher aus dem Morgenland. In der Mitte über dem Altar sehe ich den Gekreuzigten. In dem Fenster daneben der Auferstandene und die Jünger zu Pfingsten. Gemalt nach Holzschnitten von Albrecht Dürer. Ein überwältigendes Bild, das Evangelium farbig leuchtend. Wenig später sitze ich im Altarraum. Die Orgel spielt und der Gottesdienst beginnt. Gleich werde ich zum Altar gehen. Vor mir auf dem Fußboden und an den Wänden spiegeln sich farbige Punkte, Streifen und Flecken. Sie kommen von der Sonne, die durch die Fenster ihr Licht wirft. Rot, Gelb, Blau, langsam wandern die Farben durch den Raum. Ein Farbenspiel aus dem Himmel durch die Kunst der Glasmaler gebrochen und geerdet. Lässt sich dieses Spiel einfangen und konservieren? Im Gemälde oder besser im Foto? Wird eine so entstehende Momentaufnahme die Kraft des Originals und die Bewegung festhalten können? Eher nicht. Doch in der Betrachtung des fotographischen Werkes wird eine Erinnerung wach, entfaltet sich die Wirkung der Strahlen im Herzen und in den Gedanken. „Der HERR ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?“ diese und ähnliche Worte der Hoffnung verbinden sich mir mit dem Licht aus den Fenstern. Später beim Vaterunser und Segen sind die Farben durch den Raum gewandert. Aber morgen, am Montag, wenn die Sonne scheint, kommen sie wieder. Das Farbspiel im Moment einzufangen, haben wir die Fotokünstlerin Magret Hoppe beauftragt.
Christian Beuchel (Superintendent von 2003 – 2018 in Wittenberg, 2016 – 2018 Pfarrer der Schlosskirchengemeinde, Vorsitzender des Freundeskreises)