Dialoge – Christopher Lehmpfuhl im Dialog mit den großen Meistern der Kunst
Kurator: Christhard G. Neubert

Verhaltene Unruhe

… Hinter dem Maler liegen einhundertundzwanzig Jahre moderner Kunstgeschichte, die anfängt mit Vincent van Gogh, dem ersten Verbieger der Wirklichkeit. Hinter ihm liegt der Expressionismus der Brücke-Maler, liegen Munch, Soutine, liegen die englischen Maler Bacon, Auerbach, und die Auflösung der gesamten malerischen Welt im Informel und Abstrakten Expressionismus. Die wieder zusammengefügte Welt ist die Malerei des Christopher Lehmpfuhl. Er hat seine Malerei aus den übrig gebliebenen Stücken des Gegenständlichen zusammengesetzt. Seine Landschaften haben die ganze Zerrissenheit der letzteren Kunstgeschichte im Schlepptau. Der Maler kann gar nicht zurückgehen auf die guten alten Zeiten, denn die Bilder der expressionistischen Vorfahren haben unser Sehen, besonders aber das Sehen des Malers verändert: Der Maler ist jetzt zugleich Künstler und Medium geworden. Und so wirft er seine Gefühle ungebremst nach vorne, aufs Bild. … Seine Malerei kennt das sich selbst genügende Stillleben nicht. Allein mit diesem direkten Zugriff auf das für ihn Wesentliche erfüllt sich seine Botschaft. In diesem unmittelbaren Herangehen mit allen Mitteln (so malt er neuerdings, bei einem fortgeschrittenen Zustand des Bildes, mit den Händen weiter, ohne Pinsel oder Spachtel – trägt die Farbe mit den Händen auf, verreibt, verwischt, zerfurcht sie) – in diesem Rausch der Farbe ist Christopher Lehmpfuhl eine neue Deutung der Welt zugefallen.
Ähnlich wie die alttestamentarischen Propheten, die nur eine einzige Botschaft ausriefen, hat er diese eine Malerei, doch die ist singulär in der heutigen Kunst. Sie ist nicht leicht verständlich, sie ist eher sperrig und manchmal wüst, sie rüttelt uns auf und verlangt Stellungnahme. Aber sie ist nicht leichtfertig, auf keinen Fall oberflächlich. Niemand weiß wohin uns diese Kunst führen wird, und das weiß auch der Maler nicht. Etwas Neues ist in die Welt gekommen, wir können es nicht deuten, nicht einordnen, wir müssen uns erst einmal einsehen.
Klaus Fußmann

(Auszug aus einem Text des Lehrers und Freundes von Christopher Lehmpfuhls)